Um meine NGO Samuha besser kennen zu lernen, bin ich anderthalb Wochen lang von Projekt zu Projekt gefahren. Samuha hat nämlich noch zwei andere Campusse und einige Büros, in denen die einzelnen Projekte stationiert sind. Bei mir in Deodurg sitzen die Projekte Janara Hana, das Microcredit Projekt, und ein Teil Samrakshas, des AIDS Projekts. Die anderen Projekte – Integrated Village Development, Watershed Development, Samartya (disabilities), etc – sind über Raichur District, Koppal District und Bangalore verteilt.
Meine Tour begann am Montag vor zwei Wochen. Gemeinsam mit 18 anderen Indern, drei davon mit mir auf der vorderen Bank, die mit mir im Jeep saßen, auf dem Dach hockten, oder aussen am Jeep baumelten, ging es über die schmalen löcherigen Strassen richtung westen nach Tawaragera. Diese Jeeps heissen Paperjeep, weil sie erst morgens die Zwitung bringen, und dann auf dem Rückweg Passagiere mitnehmen. Einem Inder muss der Jeep allerdings trotzdem als die reinste Benzinverschwendung vorgenkommen sein. Immerhin war er gerade mal halb voll. Nur auf der rechten Seite des Jeeps hingen komischerweise keine Leute, und ziemlich schnell wurde mir klar, warum. Die Strassen sind ja wie gesagt ziemlich eng, so schmal dass ein Bus ganz gut drauf passt. Rechts und links gibt es noch jeweils einen schmalen streifen Sand, bis das Gebüsch beginnt. Das ist aber offenbar kein Grund, das Tempo zu verringern, wenn einem ein Tonnenschwerer LKW entgegen kommt. Man hält einfach aufeinander zu, bis man etwa eine Sekunde voneinanderentfernt ist, dann reissen beide Parteien urplötzlich das Steuer rum, fahren mit einem Reifen im Graben, verpassen sich um etwa 20cm (was bei jeweils 60 Km/h gar nicht so viel ist), und finden unmittelbar hintereinander wieder auf die Strasse zurück. Trotz weitgeöffneter Fenster war ich nach dieser ersten Fahrt im Jeep ganz schön durchgeschwitzt, und ich habe bestimmt fünf mal überprüft, ob ich die fehlenden sicherheitsgurte nicht doch vielleicht einfach übersehen habe. Man braucht dann auch nicht mehr viel Phantasie, um herauszufinden, warum nun niemand auf der linken Seite des Jeeps hängt.
Der Campus von Samuha in Tawaragera war anschließend genau der richtige Ort, um meinen Herzschlag wieder auf eine normale Geschwindigkeit herunterzudimmen. Der Campus ist um einiges Größer als meiner in Deodurg sehr schön, geradezu lieblich. Es wird ein bisschen Landwirtschaft betrieben, um einen Teil dees eigenen Bedarfs zu decken, und so geht man auf von Palmen gesäumten Trampelpfaden zwischen Mangobaumwiesen und Bambushütten herum. Die Luft ist gefüllt mit dem Gesumme der riesigen Libellen, die hier den Luftraum beherrschen. Man watet regelrecht durch ihre Schwärme hindurch wie durch ein Meer, wobei sich das Wasser um einen herum zu teilen scheint, denn man wird nie von auch nur einer einzigen berührt. Abends saß ich vor meiner Hütte, las über den Inder Kip, der in Europa als Freiwilliger Bomben entschärfte, und blickte auf die schwarzen, von Libellen umsschwirrten Umrisse der Obstbäume, in dem leichten Schleier des Sonnenuntergans standen.
In Tawaragera sitzt das Watershed Development Projekt. Es geht dabei hauptsächlich um die Bewässerung des unglaublich trockenen Landes, damit es ausreichend für Landwirtschaft genutzt werden kann. Es regnet in Nord Karnataka an insgesamt 26-28 Tagen im Jahr nämlich nur etwa 550 mm. Der Regen ist auf die beiden Monsoons konzentriert, die von [[[]]] aufeinander folgen, und selber von längeren Dürreperioden durchzogen sein können. Wenn es dann regnet, hat das Wasser kaum Zeit, in den eingetrockneten Boden einsickern zu können, da es sofort über die hügeligen Felder davonfließt, und dabei auch noch die dünne Schicht fruchtbaren Bodens mit sich wegschwemmt. Samuha war in den letzten Jahren an einem großen Projekt beteilig, in dem das Land mit Kanälen durchzogen wurde, um Wasser zu den Feldern zu bringen. Die Kanäle werden von einem Damm im Norden von Raichur District gespeist. Viel beeindruckende fand ich aber die vielen Ideen, die Samuha auf den Feldern selber umgesetzt hat. Die an Hängen liegenden Felder sind nun alle von parallel zum Hang verlaufenden kleinen “bunds” durchzogen, an denen das Wasser auf dem Feld gestaut wird, es ins Grundwasser absinken kann. Ausserdem wird so die Fliessgeschwindigkeit verringert, damit die Erde, die das Wasser wegschwemmt, wieder absickern kann. Einige Felder wurden zu Obstbaumwiesen umgewandelt. Damit haben die Farmer zwar die ersten drei Jahre überhaupt keine Ernte, und damit ein niedrigeres Einkommen, aber dafür sind die Obstbäume in jeder Hinsicht absolut stabil, sobald ihre Wurzeln erstmal in die tieferen Schichten reichen, aus denen das Wasser nicht sofort wieder verschwindet. Die Obstbäume gehen bei längeren Dürreperioden also nicht kaputt, wie es normale Pflanzen wie Reis, Getreide etc täten, und sind ein sicheres regelmäßiges Einkommen.
Es wurden große Becken angelegt, in denen sich das Regenwasser sammeln und langsam in den Boden einsickern kann. Ich könte noch seitenweise von den verschiedenen Anlagen reden, aber ich glaube das hier reicht.
Ausserdem hat Samuha hier noch ein Bio Projekt gestartet. Die Farmer benutzen nämlich ausnahmslos Chemische Dünger, was toll ist, weil die Ernte dadurch riesig wird. Leider wird davon zum Einen auch der Boden unheimlich in Mitleidenschaft gezogen, und vor allem gehen diese Chemikalien in die Pflanzen, von den Pflanzen ins Gemüse, vom Gemüse ins Chutney und so weiter. Es ist schon so weit gekommen, dass man Spuren der Dünger in der Muttermilch schangerer Frauen gefunden hat.
In Tawaragera habe ich Muthatha getroffen, eine 32jährige Geologin, die gerade in Amerika ihren Doktor in Geographie macht, und dafür Material in den Landwirtschaftsprojekten von Samuha sammelt. Ausserdem ist sie an dem Carbon Credit Projekt beteiligt, sodass es nach drei Wochen nichts tun endlich losgehen konnte!
Wir haben also angefangen, uns ein ungefähres Bild davon zu machen, mit wievielen Bäumen welcher Art wir es in welchen Formen der Bepflanzung wir es zu tun haben, um ein Konzept für die Messungen ausarbeiten zu können.
Ich habe mich also hingesetzt, und angefangen, alte Projektberichte durchzuwühlen.
Nichts.
Mit Glück mal der Hinweis, dass Bäume gepflanzt wurden; danke, das war mir klar. Irgendwann habe ich einfach irgendeinen herumlaufenden Samuha Mitarbeiter gefragt, wo ich die Daten denn finden könne. Seine Antwort war absolut unverständlich, aber das Resultat erstaunlich. Er setzte sich an einen Computer und schrieb auswendig für etwa 30.000 Bäume auf was für Bäume es sind, auf welchem Feld sie stehen(die Felder haben hier alle eine Art Hausnummer) und wie groß jedes einzelne Feld in ha ist. Auf zwei Nachkommastellen genau. Bei Samuha muss man gar nichts aufschreiben, denn die Leute, die damit zu tun haben, kennen es bis aufs letzte Detail auswendig.
Jetzt muss ich los. Ich besuche jetzt einen Muslim, der bei Samuha arbeitet. Morgen wird in dem Haus seiner Familie Ramjan, das Ende des Ramadan gefeiert, und ich bin eingeladen worden!!
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3 Kommentare:
Ich habe deine Berichte verschlungen, bitte mehr davon. Wunderbar und bis ins kleinste Detail beschrieben, einfach gut. Außerdem finde ich in deinen Berichten auch unglaublich viele Eindrücke wieder, die auch ich in meine Zeit in Indonesien gemacht habe. Der verrückte Verkehr, das Gehupe als 2 Sprache für die Straße, die vielen kleinen Läden am Straßenrand und die Tiere mitten in der Stadt, die Landschaft mit den abertausenden Reisfeldern usw. Ich hätte all das nicht besser beschreiben können. UNd doch so viel Neues von dem ich natürlich noch nie etwas gehört oder gesehen habe. Genau diese Entwicklungshilfeprojekte haben wir in Geo Lk genauestens besprochen und ich beneide dich, dass du bei so etwas dabei sein darfst. Ich glaube es gibt wenige Dinge, die so interessant sind, wie das was du gerade erlebst. Ich wünsche dir noch viel Erfolg bei deinem Projekt und alles gute. Bis dann Stephan MS!!!
Moin Max!
Toll dass es doch noch mit dem Blog geklappt hat, war ja kein Zusatnd mit den Halbsätzen per Mail. Schreib weiter und mach anschließend ein Buch drauß, der Blog ist wirkich unterhaltsam zu lesen. Ich hoffe es geht dir sonst soweit gut, alles gute philipp
Hey max, unglaublich was Du so alles erlebst! Ich wünsche Dir viel Glück und Spaß auf Deiner weiteren Reise und schreib mehr, mehr!!!
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