Freitag, 19. Oktober 2007

Ramzan

Ramzan (sprich: Ramdschan) Ist ein muslimisches Fest, das der Fastenzeit folgt. Ich bin was den Islam angeht leider nicht so bewandert, und die Erklärungen in einem Englisch, das man schon gar nicht mehr als brüchig bezeichnen kann, haben bei mir leider nicht alle Bildungslücken darüber schließen können, sodass ich nur eine ungefähre Idee dessen geben kann, was hinter Ramzan steht. Ich weiß nicht, ob Ramzan das selbe wie Ramadan ist, und ob weltweit die gleichen Regeln für Muslime gelten; was ich weiß ist folgendes:
Letztes Wochenende vor langer Zeit hat Allah den Koran veröffentlicht, und das wird von den Muslimen gefeiert. Einen Monat vorher beginnt die Fastenzeit. Um vier Uhr morgens wird das erste Mal in die Moschee gegenagen um zu beten, und vorher noch schnell gefrühstückt, denn bis sechs Uhr abends darf man nur noch Wasser trinken. Wenn man nicht schon vom Wecker des Zimmernachbarn aufgewacht ist, dann doch zumindest von demjenigen, der anschließend über einen Riesenlatsprecher auf dem Turm der Moschee nebenan die ganze Umgebung beschallt. Abends geht man nochmal in die Moschee. Der gute Muslim tut das einen Monat lang, manche brechen aber angeblich schon nach zwei oder drei Wochen ab.
Eines nachts hat um drei Uhr ein Handy bei mir in der Hütte geklingelt, und offensichtlich ich war der Einzige, der es gehört hat (Inder kann man nicht wecken). Weil es nicht aufhören, ich aber wieder schlafen wollte, bin ich irgendwann aufgestanden und habe es ausgemacht. Am nächsten Tag fragte ich Rasheed (dem das Handy gehört), wie es mit dem fasten ginge. “Nicht gut”, antwortete er, sein Handy sei auf mysteriöse Weise nachts ausgegangen, und er habe das Morgengebet verschlafen. Zum Glück war er nicht sauer auf mich, als ich ihm meine Tat gestand. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass das Handy ihn hätte wecken sollen, und wer will schon um drei Uhr morgens telefonieren?

Naja, zu der Geschichte, die ich eigentlich erzählen wollte. Am Ende der Fastenzeit wird mit der ganzen Familie ein Fest gefeiert, und lecker gegessen. Dazu hatte mich Sarfraz, der Mechaniker bei uns auf dem Campus, zu sich nach Hause in Hampi eigeladen. Toll!, dachte ich und fragte Ganthi, den Campuschef, ob ich das Wochenende bei Sarfraz verbringen dürfe. Er war ein bisschen skeptisch, sagte ich sole mich vielleicht noch ein bisschen mehr einleben, bevor ich woanders übernachte, liess mich dann aber doch gehen. Am Freitag Abend (heute vor einer Woche) ging es los. Die ersten 30km wurden im Bus bewältigt, dann mussten wir für die letzten 10 auf eine Motorrikshaw umsteigen, weil so spät kein Bus mehr direkt nach Hampi fuhr. Sarfraz und ich waren die ersten in der Rikshaw, nach uns kam eine verschleierte Frau mit drei kleinen Kindern. Sie hatte offensichtlich Probleme, die Kinder alle in die Rikshaw neben mich auf die Bank zu koordinieren, und ich nahm vorsichtig, ungewiss, wie sie reagieren würde, das kleine, das schon saß, unter den Ärmchen und und zog es an mich heran, um Platz für seine Geschwister zu machen. Die Rikshaw füllte sich immer weiter, sogar, als sie offensichtlich schon voll war, und plötzlich fand ich das zweieinhalbjährige zarte zerbrechliche, neugierig in der Gegend rumglupschende Ding auf meinem Schoß. Als wir (insgesamt 18 Menschen in einer Rikschaw für neun) dann losfuhren und über die Schlaglöcher rumpelten brach mir echt der Schweiß aus. Dieses dämliche Kind unternahm nämlich nichts, um den Bewegungen des Fahrzeugs entgegenzuwirken, und sein runder stoppelhaariger Kopf begann wie ein Pendel zwischen meiner Brust und der Eisenstange vor uns, an der sich alle anderen Leute auf meiner Bank artig festhielten, hin- und herzuschwingen. Mein Kind fand, dass ich für ihn das Festhalten übernehmen sollte,

Auf halbem Weg hielt uns ein Polizeijeep an. Was dann passierte kam mir vor wie im Film. Ein Polizist stieg aus, nahm eine etwa anderthalb Meter lange Bambusrute unter seinem Sitz hervor und ging um unsere Rikshaw herum, wobei er jedem, der außen hing, einige Schläge verpasste. Einer floh rechtzeitig ins Gebüsch. Anschließend stellte er sich daneben und forderte unseren Fahrer in barschem Ton auf auszusteigen. Etwa zwei Minuten lang motzte der Polizist ihn an, wobei er alle paar Worte eine kleine Pausen machte um dem Fahrer einige Schläge mit seiner Rute gegen die Beine verpasste. Dann fuhr er weiter. Unser Fahrer stieg wieder ein, schimpfte ein bisschen rum und setzte dann die Fahr fort.
Das ganze kam mir so unecht vor, dass ich nicht eine Sekunde lang angst hatte, selber etwas abzubekommen. Die anderen Passagiere hingegen schienen kaum verwundert und warteten gelangweilt auf die Weiterfahrt. Scheint hier wohl gängige Praxis zu sein.

Sarfraz’ Zuhause ist die indische Version eines kleinen Reihenhauses mit Wintergarten. Sein Großer Bruder arbeitet als Koch bei der Goldmiene in Hati und bekommt es von der Firma gestellt. Es hat ein 15qm Whonzimmer, dessen Fläche zu einem Drittel von einem Doppelbett eingenommen wird, eine 3qm Küche und einen 2qm Waschraum und eine Toilette. An das Wohnzimmer ist mit Wellblech ein etwa 20qm Raum angebaut worden, der großzügig mit einem Sofa, einer Liege, einigen Plastikstühlen und einem Plastiktischchen eingerichtet. An der Wand hängt ein altes Bild einer Riesigen Moschee in Mekka. Im Wohnzimmer gegenüber steht ein großer Fernseher neben einem noch größeren Kählschrank, dessen Pappkarton wiederrum im Wintergarten unter der Decke hängt und eine undichte Stelle verschliesst.

Als wir ankamen war der Rest der Familie schon versammelt. Sarfraz’ Mutter, sein älterer Bruder (der Koch), dessen Frau, Tochter und drei Söhne, und sein jüngerer älterer Bruder, der schneider ist. Zuerst ist mir gar nicht aufgefallen, dass auch Frauen im Haus waren, bis ich durch die Küche geführt wurde, wo sie saßen, als gehörten sie zum Inventar. Eigentlich habe ich mich nur mit Sarfraz’ Neffen unterhalten, die die inzigen in der Familie waren, die Englisch sprachen, und das auch nur in begrenztem Maß, da der älteste 13 war.
Irgendwann am Abend stellte sich dann heraus, dass Ramzan von Samstag auf Sonntag verlegt worden war, weil der Mond zu spät war. Ich habe es auch noch nicht so ganz begriffen. Es ist wohl so, dass sich Ramzan nach dem Mondkalender richtet, und nicht wie wir nach dem Sonnenkalender. Mond- und Sonnenkalender überlagern sich nicht genau, weswegen es zu verschiebungen kommen kann. Vor dem Ramzan ist eine Mondfinsternis, die zuende sein muss, damit Ramzan beginnen kann. Offensichtlich war sie zu spät zuende, weswegen Ramzan verschoben werden musste.

Da die ganze Familie versammelt war, war im Haus leider kein Platz mehr zum schlafen. Also bauten Sarfraz und ich uns draussen eine Liege auf, eine Liege mit Holzrahmen, über den breite dehnbare Bänder gespannt waren. Wie ein Feldbett, nur etwas gemütlicher und für zwei. Am Anfang war das eigentlich ganz. Auf dem Rücken liegend konnte ich schön in den reich geschmückten Sternhimmel gucken. Bald merkte ich jedoch deutlich, dass ich mein Autan vergessen hatte, und wickelte mich vollständig, wie eine Mumie in meine Baumwolldecke ein. Die Inder machen das schließlich auch immer so (
Bild)! Langsam wurde mir aber klar, was Ganthi meinte, als er sagte, ich sole mich vielleicht noch ein wenig mehr eingewöhnen. Es wurde kalt, und mit der Decke über dem Kopf konnte ich beim besten Willen nicht schlafen. Hinzu kam, dass der tiefste Punkt des Bettes den Gesetzen der Schwerkraft gemäß in seiner Mitte war, ich aber am Rand lag, und somit meine Liegefläche alles andere als ebend war. Im Haus dachte indes keiner daran, tatsächlich schlafen zu gehen, und alle unterhielten sich munter bis nach zwölf.
Um fünf Uhr morgens waren dann aus irgendeinem Grund alle schon wieder wach und boten mir Tee an.
Naja, eine Stunde später musste ich ohnehin aufstehen, um meinen Bus zurück nach Deodurg zu nehmen.


Vom Haus habe ich dummerweise keine Bilder gemacht, nur auf der Rückreise.

2 Kommentare:

sylvia+dieter hat gesagt…

Hi Max,
um es mit den Worten des Dalai Lama zu sagen:
"Wir sind alle Reisende auf diesem Planeten,
die nur eine kurze Zeitspanne an einem Ort verweilen: Wenn sie während dieser kurzen Zeit andere glücklich machen, werden sie sich selber glücklich fühlen."
- Wir hoffen, dass Du glücklich bist!
In diesem Sinne viele herzliche Grüße aus Deiner alten Nachbarschaft!

Anonym hat gesagt…

hallo Max, habe gerade mit großer Begeisterung deinen Blog gelesen, von vorne bis hinten. interessanterweise bekam ich den "ramzan" schon zwei mal erklärt, jetzt einmal von dir und vorher von der tochter einer anderen freundin, die gerade in kairo arabisch lernt... Ist wirklich toll, was du da jetzt für Erfahrungen sammeln kannst, auch wenn ich es mir ziemlich anstrengend vorstelle, wenn man das so ganz alleine erlebt - obwohl man doch die ganze zeit quatschen und sich austauschen und erzählen möchte. mir geht es jedenfalls immer so wenn ich unterwegs bin ... Habe in deinen schönen schilderungen mein bonbonbuntes indien sehr gut wieder erkannt. nur dass ich ja auf das englisch der inder total stehe, offenbar im gegensatz zu dir. faszinierend fand ich ja auch, dass du jetzt mit emissionshandel beschäftigt bist. ich ja auch: schreibe doch gerade ein buch, in dem es unter anderem um das thema klimawandel geht. und da kommt dieses ganze cdm-thema natürlich auch drin vor. du musst unbedingt mal erzählen, wie deine erfahrungen damit sind, wenn die sache ein bisschen fortgeschritten ist. hast du eigentlich auch eine mail-adresse? und bis wann genau wirst du denn dort bleiben? ich wünsche dir weiterhin viel glück und erfolg und dass du dich WOHL FÜHLST!!!! und bitte grüße karnataka und die chapatis von mir. herzliche grüße, deine chrgr