Nirgendwo war ich jemals so fremd wie hier. Ich bin mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit einer von zwei Nicht-Indern unter den 25000 Menschen, die in Deodurg leben, und das sieht man. Jeder sieht hier einfach absolute anders aus als ich, was eine ganz neue verrückte Erfahrung ist. Ich fühle mich manchmal richtig unwohl, wenn ich durch die Gegend laufe, und die Leute um mich herum verstummen und mich völlig unverholen und mit offenem Mund anstarren. Kinder bleiben stehen und bekommen große Augen. Oder sie laufend schreiend hinter mir her und wollen, dass ich ein Foto von ihnen mache. Meine Kamera ist überhaupt das Highlight schlechthin. Wenn ich sie heraushole, wollen auf der Stelle mindestens 5 Leute ein Foto haben. Neulich saß ich lesend vor meinem Häuschen auf dem Campus in Tawaragera, als eine Horde Kinder aus einem Meetingraum herauskam um Pause zu machen. Innerhalb von Minuten war ich von 15 Jungs umstellt, die im Halbkreis um mich herumstanden, nichts sagten, und mir beim Lesen zuschauten. Irgendwann rang sich einer durch und setzte sich neben mich, um ein kleines Gespräch mit den üblichen Fragen zu führen. What is your country? What os your name? what are you doing? Und so weiter. Es sind die selben Fragen, die ich überall und zu jeder Zeit von allen möglichen Wildfremden Leuten gestellt bekomme. Wenn ich durch Deodurg laufe will ständig jemand mit mir reden, immer wieder sprechen einen wildfremde Leute an. Oft rufen sie mich zu sich in ihr Geschäft, bitten mich, mich zu setzen, bieten mir Tee an und wollen sich mit mir unterhalten.
Am Anfang fand ich das alles sehr rührend, aber mittlerweile geht es mir eher auf die nerven, nicht mal in Ruhe nach Deodurg gehen zu können, um mir ein Küchlein zu kaufen, oder zum 100. Mal zu erklären, dass man in Deutschland nich mit Dollar bezahlt.. Die Inder sind nämlich auf ihre übertrieben höfliche Art auch sehr penetrant und gleichzeitig geduldig. Es schreckt sie gar nicht zurück, wenn ich etwas schroff und kurz angebunden auf ihre gerade heraus gestellten Fragen antworte (meistens sagen sie nämlich nicht mal Hello oder Excuse me, sondern kommen ohne Umschweife auf ihr “whatisyourcountry.”). Vielmehr scheint Unhöflichkeit sie eher zu ermutigen und ihnen zu bestätigen, dass ich eine so interessante Person bin, dass ich es nicht mal nötig habe, sie groß zu beachten, was genau das Gegenteil dessen ist, was ich erreichen will.
Inder halten auch nicht die in Europa übliche körperliche Distanz ein. Da die Geschlechter viel stärker getrennt sind, und Homosexualität ohnehin nicht existiert, sind die Körperverhältnisse völlig anders als bei uns. Jungs haben ständig Körperkontakt, und laufen auch gerne mal Hand in Hand herum. Deswegen muss ich schon hin und wieder mal einen etwas aufdringlichen Zeitgenossen wieder etwas auf distanz bringen, nachdem er einfach, immerhin als wildfremder Mensch auf der Strasse, den Arm um meine Schultern gelegt hat.
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