Deodurg
In Deodurg war ich erstmal ein bisschen verunsichert. Nach knapp zwei Stunden Autofahrt von Raichur, dass ich nach einer zehnstuendigen Zugfahrt erreicht hatte, lernte ich also, wie eine indische Kleinstadt aussieht.
Vor allem nach Bangalore kommt einem Deodurg ziemlich karg und freudlos vor. Die breite Strasse traegt ihren Asphalt wie eine Krawatte. Die weitaus groesseren “Buergerseige”, also der nicht asphaltierten Ränder, sind staubig und schmutzig. Wildschweine wuehlen im Muell und Matsch der Gosse. Die Häuser sind alt, dreckig und alle einstöckig.
Kommt man von der asphaltierten Hauptstrasse ab, sind die Strassen schmal und bestehen nur noch aus Sand. Man kann hier sehen, dass das Wort Gosse von gießen kommt! Auf der Strasse liegt Kuh- und Hundekot.
Wilkommen bei der Entwicklungshilfe! Und hier nun ein Jahr lang? Schluck.
Samuha hat zum Glueck seinen eigenen Campus etwa einen halben Kilometer außerhalb von Deodurg . Campus heißt, hier gibt es ein Grundstueck mit einigen Bambushuetten, das zu Samuha gehoert. Wie man auf den Fotos vielleicht erkennen kann, sind die Hütten schon etwas betagt, in die meisten regnet es sogar rein. Ein Teil der Angestellten wohnt sogar auf dem Campus. Ich wohne allerdings nicht auf dem Campus, sondern quasi nebenan. Neben dem Campus steht eine grosse Moschee. Es gibt hier nämlich ziemlich viele Muslime, ständig begenet man verschleierten Frauen, und dreimal am Tag grölt jemand vom Turm der Moschee herab. Wiederrum direckt neben dieser Moschee hat Samuha ein zweites Grundstueck, auf dem Ein Haus mit Büro, eines zum wohnen und eine Bambushuette mit drei Zimmern und einem Raum für Meetings. Hier haben sie mich einquartiert, worüber ich ganz froh bin, denn das Bambushaus ist nagelneu! Ich habe mein etwa 9qm großes Zimmer mit Licht, Steckdose, Ventilator und einem Betonblockbett mit Mosquitonetz. Was will man mehr!
Es lebt sich hier eigentlich nicht schlecht, wenn man sich mal dran gewöhnt hat! Das Betonbett mit Isomatte stört einen schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Das Essen ist super und nochmal ein Thema für sich. Warmes Wasser gibt es nicht, ist aber in Indien wohl etwas ziemlich normales. Jeder wäscht sich hier mit kaltem Wasser, ob Director oder Accountant, und man lernt es schnell zu schätzen, sich bei knallender Sonne mit angenehm kühlem Wasser zu übergießen. Es gibt auch keine Duschen, sondern nur Wasserhähne, die etwa auf Kniehöhe an den Wänden der nach oben hin offenen Baderäume angebracht sind, und mit denen man einen großen Wassereimer füllt, um das Wasser anschliessend mit einem kleinen Eimerchen über sich rüber zu gießen.
Die Wäsche wird slebst mit der Hand gewaschen, nur Hemden und Hosen werden zum Waschen und Bügeln weggebracht., wenn man sie wieder abholt riechen sie immer ein Bisschen nach Rauch, weil das Bügeleisen mit Kohlen betrieben wird.
Überhaupt werden hier nur Lange Hosen getragen, keine Kurzen. Für die Menschen in den Dörfern sind Shorts nämlich das gleiche wie Unterhosen, und sie fühlen sich angegriffen, wenn man in Unterwäsche vor ihnen herumläuft.
Wenn ein Inder also nicht gerade so ein Hindu-Gewand anhat, dann trägt er mit 75%iger Wahrscheinlichtkeit ein Hemd und eine lange Hose, die alerdings auch durch einen Lunghi ersetzt sein kann. Ein Lunghi ist das Equivalent zum Bademantel, wenngleich etwas gesellschaftsfähiger, und somit auch gerne auf offener Straße getragen. Er besteht schlicht aus einem großen Tuch, das man sich, wie ein Handtuch nach dem Duschen, um die Hüfte wickelt. Er reicht bis über die Knöchel, kann bei Bedarf aber hochgefaltet werden, sodass er quasi zum Minirock wird, und schon die Knie nicht mehr erreicht. Dazu Sandalen, etwa die Hälfte aller Leute hier läuft generell barfuss rum, und zwar in Bereichen, wo ich mich noch nicht einmal mit Gummistiefeln hintrauen würde.
In Karnataka ist die Muttersprache Kannada, und in der Regel sprechen die Menschen hier, wenn überhaupt nur bruchstückhaft Englisch, sodass ernsthafte Konversationen eher spärlich gesäht sind. Richtig gutes Englisch sprechen im Grunde nur die Project Directors, also vielleicht drei-vier Leute, die ich ich mit Glück einmal die Woche zu Gesicht bekomme.
Also habe ich begonnen, ein Bisschen Kannada zu lernen! “Oota aita?” ist wohl die Wortkombination, die ich hier am häufigsten gehört habe, und “food finish?” ist die gängige Übersetzung. Oota aita ist hier fast eine Begrüßungsfloskel, ergänzend zur normalen Begrüßung, begegnet man jemandem, vergewissert man sich erstmal, ob der Gegenüber auch schon gegessen hat.
Abgesehen davon kann ich immerhin schon einige Standarts wie “Hallo”, oder “Guten Morgen”, oder “gut”. Kannada ist unheimlich schwer zu lernen, weil es genau gar nichts mit irgendeiner mir bekannter Sprache zu tun hat. Im Gunde klingt es wie wahllos aneinandergehängte Silben. Dazu gibt es noch eine Reihe von Lauten, die man bei uns gar nicht benutzt, oder Unterschiede, die ich nicht hören kann.
Aber so langsam gewöhne ich mich an die Sprache, und es fällt langsam leichter, sich Worte zu merken. Mit der Schrift, die aus einem einzigen, ständig wiederholten Buchstaben zu bestehen scheint, habe ich noch gar nicht angefangen.
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