Freitag, 19. Oktober 2007

Ramzan

Ramzan (sprich: Ramdschan) Ist ein muslimisches Fest, das der Fastenzeit folgt. Ich bin was den Islam angeht leider nicht so bewandert, und die Erklärungen in einem Englisch, das man schon gar nicht mehr als brüchig bezeichnen kann, haben bei mir leider nicht alle Bildungslücken darüber schließen können, sodass ich nur eine ungefähre Idee dessen geben kann, was hinter Ramzan steht. Ich weiß nicht, ob Ramzan das selbe wie Ramadan ist, und ob weltweit die gleichen Regeln für Muslime gelten; was ich weiß ist folgendes:
Letztes Wochenende vor langer Zeit hat Allah den Koran veröffentlicht, und das wird von den Muslimen gefeiert. Einen Monat vorher beginnt die Fastenzeit. Um vier Uhr morgens wird das erste Mal in die Moschee gegenagen um zu beten, und vorher noch schnell gefrühstückt, denn bis sechs Uhr abends darf man nur noch Wasser trinken. Wenn man nicht schon vom Wecker des Zimmernachbarn aufgewacht ist, dann doch zumindest von demjenigen, der anschließend über einen Riesenlatsprecher auf dem Turm der Moschee nebenan die ganze Umgebung beschallt. Abends geht man nochmal in die Moschee. Der gute Muslim tut das einen Monat lang, manche brechen aber angeblich schon nach zwei oder drei Wochen ab.
Eines nachts hat um drei Uhr ein Handy bei mir in der Hütte geklingelt, und offensichtlich ich war der Einzige, der es gehört hat (Inder kann man nicht wecken). Weil es nicht aufhören, ich aber wieder schlafen wollte, bin ich irgendwann aufgestanden und habe es ausgemacht. Am nächsten Tag fragte ich Rasheed (dem das Handy gehört), wie es mit dem fasten ginge. “Nicht gut”, antwortete er, sein Handy sei auf mysteriöse Weise nachts ausgegangen, und er habe das Morgengebet verschlafen. Zum Glück war er nicht sauer auf mich, als ich ihm meine Tat gestand. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass das Handy ihn hätte wecken sollen, und wer will schon um drei Uhr morgens telefonieren?

Naja, zu der Geschichte, die ich eigentlich erzählen wollte. Am Ende der Fastenzeit wird mit der ganzen Familie ein Fest gefeiert, und lecker gegessen. Dazu hatte mich Sarfraz, der Mechaniker bei uns auf dem Campus, zu sich nach Hause in Hampi eigeladen. Toll!, dachte ich und fragte Ganthi, den Campuschef, ob ich das Wochenende bei Sarfraz verbringen dürfe. Er war ein bisschen skeptisch, sagte ich sole mich vielleicht noch ein bisschen mehr einleben, bevor ich woanders übernachte, liess mich dann aber doch gehen. Am Freitag Abend (heute vor einer Woche) ging es los. Die ersten 30km wurden im Bus bewältigt, dann mussten wir für die letzten 10 auf eine Motorrikshaw umsteigen, weil so spät kein Bus mehr direkt nach Hampi fuhr. Sarfraz und ich waren die ersten in der Rikshaw, nach uns kam eine verschleierte Frau mit drei kleinen Kindern. Sie hatte offensichtlich Probleme, die Kinder alle in die Rikshaw neben mich auf die Bank zu koordinieren, und ich nahm vorsichtig, ungewiss, wie sie reagieren würde, das kleine, das schon saß, unter den Ärmchen und und zog es an mich heran, um Platz für seine Geschwister zu machen. Die Rikshaw füllte sich immer weiter, sogar, als sie offensichtlich schon voll war, und plötzlich fand ich das zweieinhalbjährige zarte zerbrechliche, neugierig in der Gegend rumglupschende Ding auf meinem Schoß. Als wir (insgesamt 18 Menschen in einer Rikschaw für neun) dann losfuhren und über die Schlaglöcher rumpelten brach mir echt der Schweiß aus. Dieses dämliche Kind unternahm nämlich nichts, um den Bewegungen des Fahrzeugs entgegenzuwirken, und sein runder stoppelhaariger Kopf begann wie ein Pendel zwischen meiner Brust und der Eisenstange vor uns, an der sich alle anderen Leute auf meiner Bank artig festhielten, hin- und herzuschwingen. Mein Kind fand, dass ich für ihn das Festhalten übernehmen sollte,

Auf halbem Weg hielt uns ein Polizeijeep an. Was dann passierte kam mir vor wie im Film. Ein Polizist stieg aus, nahm eine etwa anderthalb Meter lange Bambusrute unter seinem Sitz hervor und ging um unsere Rikshaw herum, wobei er jedem, der außen hing, einige Schläge verpasste. Einer floh rechtzeitig ins Gebüsch. Anschließend stellte er sich daneben und forderte unseren Fahrer in barschem Ton auf auszusteigen. Etwa zwei Minuten lang motzte der Polizist ihn an, wobei er alle paar Worte eine kleine Pausen machte um dem Fahrer einige Schläge mit seiner Rute gegen die Beine verpasste. Dann fuhr er weiter. Unser Fahrer stieg wieder ein, schimpfte ein bisschen rum und setzte dann die Fahr fort.
Das ganze kam mir so unecht vor, dass ich nicht eine Sekunde lang angst hatte, selber etwas abzubekommen. Die anderen Passagiere hingegen schienen kaum verwundert und warteten gelangweilt auf die Weiterfahrt. Scheint hier wohl gängige Praxis zu sein.

Sarfraz’ Zuhause ist die indische Version eines kleinen Reihenhauses mit Wintergarten. Sein Großer Bruder arbeitet als Koch bei der Goldmiene in Hati und bekommt es von der Firma gestellt. Es hat ein 15qm Whonzimmer, dessen Fläche zu einem Drittel von einem Doppelbett eingenommen wird, eine 3qm Küche und einen 2qm Waschraum und eine Toilette. An das Wohnzimmer ist mit Wellblech ein etwa 20qm Raum angebaut worden, der großzügig mit einem Sofa, einer Liege, einigen Plastikstühlen und einem Plastiktischchen eingerichtet. An der Wand hängt ein altes Bild einer Riesigen Moschee in Mekka. Im Wohnzimmer gegenüber steht ein großer Fernseher neben einem noch größeren Kählschrank, dessen Pappkarton wiederrum im Wintergarten unter der Decke hängt und eine undichte Stelle verschliesst.

Als wir ankamen war der Rest der Familie schon versammelt. Sarfraz’ Mutter, sein älterer Bruder (der Koch), dessen Frau, Tochter und drei Söhne, und sein jüngerer älterer Bruder, der schneider ist. Zuerst ist mir gar nicht aufgefallen, dass auch Frauen im Haus waren, bis ich durch die Küche geführt wurde, wo sie saßen, als gehörten sie zum Inventar. Eigentlich habe ich mich nur mit Sarfraz’ Neffen unterhalten, die die inzigen in der Familie waren, die Englisch sprachen, und das auch nur in begrenztem Maß, da der älteste 13 war.
Irgendwann am Abend stellte sich dann heraus, dass Ramzan von Samstag auf Sonntag verlegt worden war, weil der Mond zu spät war. Ich habe es auch noch nicht so ganz begriffen. Es ist wohl so, dass sich Ramzan nach dem Mondkalender richtet, und nicht wie wir nach dem Sonnenkalender. Mond- und Sonnenkalender überlagern sich nicht genau, weswegen es zu verschiebungen kommen kann. Vor dem Ramzan ist eine Mondfinsternis, die zuende sein muss, damit Ramzan beginnen kann. Offensichtlich war sie zu spät zuende, weswegen Ramzan verschoben werden musste.

Da die ganze Familie versammelt war, war im Haus leider kein Platz mehr zum schlafen. Also bauten Sarfraz und ich uns draussen eine Liege auf, eine Liege mit Holzrahmen, über den breite dehnbare Bänder gespannt waren. Wie ein Feldbett, nur etwas gemütlicher und für zwei. Am Anfang war das eigentlich ganz. Auf dem Rücken liegend konnte ich schön in den reich geschmückten Sternhimmel gucken. Bald merkte ich jedoch deutlich, dass ich mein Autan vergessen hatte, und wickelte mich vollständig, wie eine Mumie in meine Baumwolldecke ein. Die Inder machen das schließlich auch immer so (
Bild)! Langsam wurde mir aber klar, was Ganthi meinte, als er sagte, ich sole mich vielleicht noch ein wenig mehr eingewöhnen. Es wurde kalt, und mit der Decke über dem Kopf konnte ich beim besten Willen nicht schlafen. Hinzu kam, dass der tiefste Punkt des Bettes den Gesetzen der Schwerkraft gemäß in seiner Mitte war, ich aber am Rand lag, und somit meine Liegefläche alles andere als ebend war. Im Haus dachte indes keiner daran, tatsächlich schlafen zu gehen, und alle unterhielten sich munter bis nach zwölf.
Um fünf Uhr morgens waren dann aus irgendeinem Grund alle schon wieder wach und boten mir Tee an.
Naja, eine Stunde später musste ich ohnehin aufstehen, um meinen Bus zurück nach Deodurg zu nehmen.


Vom Haus habe ich dummerweise keine Bilder gemacht, nur auf der Rückreise.

Freitag, 12. Oktober 2007

Samuha Tour - Tawaragera

Um meine NGO Samuha besser kennen zu lernen, bin ich anderthalb Wochen lang von Projekt zu Projekt gefahren. Samuha hat nämlich noch zwei andere Campusse und einige Büros, in denen die einzelnen Projekte stationiert sind. Bei mir in Deodurg sitzen die Projekte Janara Hana, das Microcredit Projekt, und ein Teil Samrakshas, des AIDS Projekts. Die anderen Projekte – Integrated Village Development, Watershed Development, Samartya (disabilities), etc – sind über Raichur District, Koppal District und Bangalore verteilt.

Meine Tour begann am Montag vor zwei Wochen. Gemeinsam mit 18 anderen Indern, drei davon mit mir auf der vorderen Bank, die mit mir im Jeep saßen, auf dem Dach hockten, oder aussen am Jeep baumelten, ging es über die schmalen löcherigen Strassen richtung westen nach Tawaragera. Diese Jeeps heissen Paperjeep, weil sie erst morgens die Zwitung bringen, und dann auf dem Rückweg Passagiere mitnehmen. Einem Inder muss der Jeep allerdings trotzdem als die reinste Benzinverschwendung vorgenkommen sein. Immerhin war er gerade mal halb voll. Nur auf der rechten Seite des Jeeps hingen komischerweise keine Leute, und ziemlich schnell wurde mir klar, warum. Die Strassen sind ja wie gesagt ziemlich eng, so schmal dass ein Bus ganz gut drauf passt. Rechts und links gibt es noch jeweils einen schmalen streifen Sand, bis das Gebüsch beginnt. Das ist aber offenbar kein Grund, das Tempo zu verringern, wenn einem ein Tonnenschwerer LKW entgegen kommt. Man hält einfach aufeinander zu, bis man etwa eine Sekunde voneinanderentfernt ist, dann reissen beide Parteien urplötzlich das Steuer rum, fahren mit einem Reifen im Graben, verpassen sich um etwa 20cm (was bei jeweils 60 Km/h gar nicht so viel ist), und finden unmittelbar hintereinander wieder auf die Strasse zurück. Trotz weitgeöffneter Fenster war ich nach dieser ersten Fahrt im Jeep ganz schön durchgeschwitzt, und ich habe bestimmt fünf mal überprüft, ob ich die fehlenden sicherheitsgurte nicht doch vielleicht einfach übersehen habe. Man braucht dann auch nicht mehr viel Phantasie, um herauszufinden, warum nun niemand auf der linken Seite des Jeeps hängt.

Der Campus von Samuha in Tawaragera war anschließend genau der richtige Ort, um meinen Herzschlag wieder auf eine normale Geschwindigkeit herunterzudimmen. Der Campus ist um einiges Größer als meiner in Deodurg sehr schön, geradezu lieblich. Es wird ein bisschen Landwirtschaft betrieben, um einen Teil dees eigenen Bedarfs zu decken, und so geht man auf von Palmen gesäumten Trampelpfaden zwischen Mangobaumwiesen und Bambushütten herum. Die Luft ist gefüllt mit dem Gesumme der riesigen Libellen, die hier den Luftraum beherrschen. Man watet regelrecht durch ihre Schwärme hindurch wie durch ein Meer, wobei sich das Wasser um einen herum zu teilen scheint, denn man wird nie von auch nur einer einzigen berührt. Abends saß ich vor meiner Hütte, las über den Inder Kip, der in Europa als Freiwilliger Bomben entschärfte, und blickte auf die schwarzen, von Libellen umsschwirrten Umrisse der Obstbäume, in dem leichten Schleier des Sonnenuntergans standen.
In Tawaragera sitzt das Watershed Development Projekt. Es geht dabei hauptsächlich um die Bewässerung des unglaublich trockenen Landes, damit es ausreichend für Landwirtschaft genutzt werden kann. Es regnet in Nord Karnataka an insgesamt 26-28 Tagen im Jahr nämlich nur etwa 550 mm. Der Regen ist auf die beiden Monsoons konzentriert, die von [[[]]] aufeinander folgen, und selber von längeren Dürreperioden durchzogen sein können. Wenn es dann regnet, hat das Wasser kaum Zeit, in den eingetrockneten Boden einsickern zu können, da es sofort über die hügeligen Felder davonfließt, und dabei auch noch die dünne Schicht fruchtbaren Bodens mit sich wegschwemmt. Samuha war in den letzten Jahren an einem großen Projekt beteilig, in dem das Land mit Kanälen durchzogen wurde, um Wasser zu den Feldern zu bringen. Die Kanäle werden von einem Damm im Norden von Raichur District gespeist. Viel beeindruckende fand ich aber die vielen Ideen, die Samuha auf den Feldern selber umgesetzt hat. Die an Hängen liegenden Felder sind nun alle von parallel zum Hang verlaufenden kleinen “bunds” durchzogen, an denen das Wasser auf dem Feld gestaut wird, es ins Grundwasser absinken kann. Ausserdem wird so die Fliessgeschwindigkeit verringert, damit die Erde, die das Wasser wegschwemmt, wieder absickern kann. Einige Felder wurden zu Obstbaumwiesen umgewandelt. Damit haben die Farmer zwar die ersten drei Jahre überhaupt keine Ernte, und damit ein niedrigeres Einkommen, aber dafür sind die Obstbäume in jeder Hinsicht absolut stabil, sobald ihre Wurzeln erstmal in die tieferen Schichten reichen, aus denen das Wasser nicht sofort wieder verschwindet. Die Obstbäume gehen bei längeren Dürreperioden also nicht kaputt, wie es normale Pflanzen wie Reis, Getreide etc täten, und sind ein sicheres regelmäßiges Einkommen.
Es wurden große Becken angelegt, in denen sich das Regenwasser sammeln und langsam in den Boden einsickern kann. Ich könte noch seitenweise von den verschiedenen Anlagen reden, aber ich glaube das hier reicht.
Ausserdem hat Samuha hier noch ein Bio Projekt gestartet. Die Farmer benutzen nämlich ausnahmslos Chemische Dünger, was toll ist, weil die Ernte dadurch riesig wird. Leider wird davon zum Einen auch der Boden unheimlich in Mitleidenschaft gezogen, und vor allem gehen diese Chemikalien in die Pflanzen, von den Pflanzen ins Gemüse, vom Gemüse ins Chutney und so weiter. Es ist schon so weit gekommen, dass man Spuren der Dünger in der Muttermilch schangerer Frauen gefunden hat.

In Tawaragera habe ich Muthatha getroffen, eine 32jährige Geologin, die gerade in Amerika ihren Doktor in Geographie macht, und dafür Material in den Landwirtschaftsprojekten von Samuha sammelt. Ausserdem ist sie an dem Carbon Credit Projekt beteiligt, sodass es nach drei Wochen nichts tun endlich losgehen konnte!
Wir haben also angefangen, uns ein ungefähres Bild davon zu machen, mit wievielen Bäumen welcher Art wir es in welchen Formen der Bepflanzung wir es zu tun haben, um ein Konzept für die Messungen ausarbeiten zu können.
Ich habe mich also hingesetzt, und angefangen, alte Projektberichte durchzuwühlen.
Nichts.
Mit Glück mal der Hinweis, dass Bäume gepflanzt wurden; danke, das war mir klar. Irgendwann habe ich einfach irgendeinen herumlaufenden Samuha Mitarbeiter gefragt, wo ich die Daten denn finden könne. Seine Antwort war absolut unverständlich, aber das Resultat erstaunlich. Er setzte sich an einen Computer und schrieb auswendig für etwa 30.000 Bäume auf was für Bäume es sind, auf welchem Feld sie stehen(die Felder haben hier alle eine Art Hausnummer) und wie groß jedes einzelne Feld in ha ist. Auf zwei Nachkommastellen genau. Bei Samuha muss man gar nichts aufschreiben, denn die Leute, die damit zu tun haben, kennen es bis aufs letzte Detail auswendig.

Jetzt muss ich los. Ich besuche jetzt einen Muslim, der bei Samuha arbeitet. Morgen wird in dem Haus seiner Familie Ramjan, das Ende des Ramadan gefeiert, und ich bin eingeladen worden!!

Montag, 8. Oktober 2007

Essen

Ja, das Essen. Es waren ja hohe Erwartungen an das Essen gestellt worden. Um es kurz zu machen: Es ist scharf, aber nicht zu scharf, es gibt zweimal am Tag das gleiche Gericht, nur etwas variiert, und es ist komplett vegetarisch.
Der Tag beginnt mit Reis, fast hätte man es sich denken können, vermutlich hätte man aber nicht dran geglaubt. Immerhin ist der Reis gewürzt, zum Beispiel mit Zimt, Nelken, Curryblättern, Rosinen, eigentlich toll, nur vielleicht nicht gleich zum Früstück. Manchmal gibt es auch grob gemahlenes Getreide, dass gekocht wurde (und natürlich gewürtzt), und einen grobkörnigen Brei ergibt. Auch nicht schlecht.
Mittag- und Abendessen folgen nun immer dem gleichen Schema. Zuerst Roti bzw. Chapatti mit Chutney, danach Reis mit Curr (so ähnlich wird es zumindest ausgesprochen, wie Curry nur halt ohne y am ende).
Roti und Chapatti sind sowas ähnliches wie Pfannkuchen, nur, dass sie nur aus Mehl und Wasser bestehen, und ohne Fett in der Pfanne gebacken werden. Curr ist eine recht scharfe rote Suppe, mit der der Reis vermischt wird.
Es wird alles mit der Hand gegessen, und natürlich stets mit der rechten. Sogar der Reis, und das ist gar nicht so einfach. Man ordne Zeige- bis Kleinen Finger so an, dass man mit dem Daumen alle anderen Fingerspitzen auf einmal berühren kann (wie die Italiener wenn sie laut “Mamma Mia!” rufen, nur die Hand andersherum gehalten). Mit dem Daumen drückt man den Reis nun an die anderen Finger heran, sodass er zusammenbappt und sich langsam ein kleiner Klumpen in den Fingern bildet. Die Hand wird gedreht, sodass unser Reisklumpen nun auf dem Mittel-, Ring und Kleinen Finger wie auf einer Schanze liegt, die Finger werden an den Mund geführt, und das Klümpchen mit dem Daumen hineingekickt.

Das eigentlich interessante Essen ist aber das Chutney, das quasi ein Gemüseeintopf ist, nur, dass Gemüse praktisch die einzige Zutat ist, die nicht ausschließlich der Geschmacksbildung dient. Man hat also in grobe Stücke geschnittenes Gemüse, Linsen oder Bohnen, gekocht, und mit etlichen Gewürzen ect. zu einem Gemüsetopf verarbeitet. Es gibt dabei so viele Variationen, dass ich mich nach meinem ersten Monat in Indien nicht erinnern kann, ein Chutney zwemal gegessen zu haben, und jedes einzelne, hat einfach wahnsinnig geschmeckt. Dabei scheinen diese Gemüsebomben eher etwas ländliches, eher Hausmannskost zu sein. Das Chutney in den Großstädten wie Bangalore ist nämlich fast flüssig und hat eher Soßencharakter.

Ich hatte im Übrigen keinerlei Probleme, mich an das Essen hier zu “gewöhnen”, wenngleich ich gestehen muss, unregelmäßig präventiv ein paar Kapseln genommen zu haben… Hat jedenfalls bestens funktioniert!

Jedenfalls, um zum Essen zurückzukommen, reisst man sich einen Fetzen von seinem Chapatti ab, nimmt damit ein Wenig Chutney auf, rollt es mit geschickten Fingern in der Hand zu einem kleinen Röllchen, und isst es.
Letzte Woche gab es tatsächlich Huhn gegessen! Um ehrlich zu sein war es das erste, was mir hier nicht geschmeckt hat. Das Huhn war in einem Chutney drin, verkocht, und darüber hinaus waren die einzelnen Stückchen nicht von den Knochen getrennt, sodass man ständig dabei war, kleine Knöchelchen auf dem Teller abzulegen.
Rind wird hier ja sowieso nicht gegessen, und Schwein auch nicht, weil das für die Muslime heilig ist. Fleisch ist hier eher nicht angesagt.
Das Essen wird in der Küche auf dem Kampus von zwei Frauen über offenem Feuer zubereitet, und steht dann auf der übredachten Terasse vor der Küche in großen Metalltrogen bereit. Es ist ganz angenehm, das Essen außerhalb der Stadt zu haben. In Bangalore habe ich eigentlich immer auf dem Weg zum Restaurant wegen der Abgase und des Drecks den Appetit verloren.

Es gibt hier auch eine ganze Reihe von Snacks, meistens frittierten Kleinigkeiten. Zum Beispiel in Kichererbsenmehl gewälzte grüne Peperoni. Durch das Frittieren bläht sich das Mehl zu einem dicken Mantel um die Peperoni auf, der der abgeknabbert werden kann – ganz hartgesottene essen einfach die Peperoni mit. Weiterhin gibts noch eine Art Puffreis, geröstete Erdnüsse oder Kichererbsen und viele andere kleine Knuspereien, die ich nicht identifizieren kann.
Neulich habe ich mit zwei anderen geschlagene zwanzig Minuten in einer Bäckerei verbracht und Teil nach dem anderen probiert. Blätterteigbrötchen mit Cocossträuseln oder mit Ei, Sandwiches mit seltsamen bunten Streifen von Irgendetwas, Cream buns, und und und.

Um genau zu sein beginnt der Tag schon vor dem Frühstück mit einem Chai-Tea (Obgleich ich zugeben muss, dass ich den ersten Chai am Morgen auch gerne mal zugunsten einer halben Stunde zusätzlichen Schlafs auslasse). Chai Tee ist Tee mit viel viel Milch und noch mehr Zucker, der so viel Energie gibt, dass Dextro überlegen sollte, ihn in Deutschland zu vertreiben. Man nimmt ihn in kleinen Metallbecherchen, die nur etwas größer als Schnapsgläschen sind, und im Schnitt fünf mal am Tag.
Die kleinen Zwischenschübe von Energie sind auch absolut notwendig und retten mich über den Tag. Man kann nämlich sehr hungrig werden, wenn es Mittagessen um eins, Abendessen aber erst um halb neun gibt!

Sonntag, 7. Oktober 2007

Der Kunde ist König

Neulich war ich in Deodurg in einem Geschäft, um mir zwei lange Hosen zu kaufen (ich habe nämlich nur eine mitgenommen, und meine drei kurzen Hosen liegen jetzt blöd im Zimmer rum. Wer ahnt denn, dass in einem Land, in dem es im Sommer 45 Grad sind, keine kurzen hosen getragen werden!). Dort hat mich ein Mann angesprochen, der sich nicht nur als Besitzer des Ladens, sondern auch als Besitzer des Landes, auf dem der Samuha Campus steht, herausstellte. Er lud mich zu sich nach Hause ein, wir setzten uns in sein Gästehäuschen. Seine Frau brachte Upma und Casery Bath (Essen), er stellte mir nacheinander seine Töchter vor, danach brachte seine Frau Tee. Er bot mir 500 Rupien für eine Euromünze (Der tatsächliche Umrhnungskurs ist 1€ : 55 Rupien), sein Sohn sammle nämlich ausländisches Geld. Anschließend führte er mich durch sein ganzes Haus. Obwohl das Haus von aussen nicht unbedingt besonders aussah, und an einer engen, schmutzigen Straße stand, wurde deutlich, dass er nicht gerade zur Unterschicht gehörte. Das Haus voller Möbel, im zweiten Stock ein Riesiges zweites Gästezimmer, im Hof ein Auto, ein Jeep und eine Kuh. Er stellte mir seinen Schwiegersohn und dessen Freunde vor, seinen Enkel und seinen Vater auch, und sagte, ich solle am nächsten Tag wieder kommen, damit er mich mit seinem Jeep durch die Gegend fahren und mir den Fluss zeigen könne. Der Kunde ist in diesem Land ja wirklich König, dachte ich, und dabei hatte ich doch nur zwei Hosen gekauft!
Als ich mich nach über einer Stunde endlich verabschieden durfte, mit dem Versprechen, am nächsten Tag wieder zu kommen, erklärte mir mein Chef auf dem Campus, dass dieser Mensch von den Großgrundbesitzern der ehemaligen feudalen Strukturen in Indien abstamme, ein gerissener Geschäftsmann sei, und absolut niemandem etwas schenken wolle. Ich bin am nächsten Tag lieber zu Hause geblieben, anstatt dubiose Geldwechselgeschäfte zu machen, und mich durch die Gegend kutschieren zu lassen.

Fremd

Nirgendwo war ich jemals so fremd wie hier. Ich bin mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit einer von zwei Nicht-Indern unter den 25000 Menschen, die in Deodurg leben, und das sieht man. Jeder sieht hier einfach absolute anders aus als ich, was eine ganz neue verrückte Erfahrung ist. Ich fühle mich manchmal richtig unwohl, wenn ich durch die Gegend laufe, und die Leute um mich herum verstummen und mich völlig unverholen und mit offenem Mund anstarren. Kinder bleiben stehen und bekommen große Augen. Oder sie laufend schreiend hinter mir her und wollen, dass ich ein Foto von ihnen mache. Meine Kamera ist überhaupt das Highlight schlechthin. Wenn ich sie heraushole, wollen auf der Stelle mindestens 5 Leute ein Foto haben. Neulich saß ich lesend vor meinem Häuschen auf dem Campus in Tawaragera, als eine Horde Kinder aus einem Meetingraum herauskam um Pause zu machen. Innerhalb von Minuten war ich von 15 Jungs umstellt, die im Halbkreis um mich herumstanden, nichts sagten, und mir beim Lesen zuschauten. Irgendwann rang sich einer durch und setzte sich neben mich, um ein kleines Gespräch mit den üblichen Fragen zu führen. What is your country? What os your name? what are you doing? Und so weiter. Es sind die selben Fragen, die ich überall und zu jeder Zeit von allen möglichen Wildfremden Leuten gestellt bekomme. Wenn ich durch Deodurg laufe will ständig jemand mit mir reden, immer wieder sprechen einen wildfremde Leute an. Oft rufen sie mich zu sich in ihr Geschäft, bitten mich, mich zu setzen, bieten mir Tee an und wollen sich mit mir unterhalten.
Am Anfang fand ich das alles sehr rührend, aber mittlerweile geht es mir eher auf die nerven, nicht mal in Ruhe nach Deodurg gehen zu können, um mir ein Küchlein zu kaufen, oder zum 100. Mal zu erklären, dass man in Deutschland nich mit Dollar bezahlt.. Die Inder sind nämlich auf ihre übertrieben höfliche Art auch sehr penetrant und gleichzeitig geduldig. Es schreckt sie gar nicht zurück, wenn ich etwas schroff und kurz angebunden auf ihre gerade heraus gestellten Fragen antworte (meistens sagen sie nämlich nicht mal Hello oder Excuse me, sondern kommen ohne Umschweife auf ihr “whatisyourcountry.”). Vielmehr scheint Unhöflichkeit sie eher zu ermutigen und ihnen zu bestätigen, dass ich eine so interessante Person bin, dass ich es nicht mal nötig habe, sie groß zu beachten, was genau das Gegenteil dessen ist, was ich erreichen will.
Inder halten auch nicht die in Europa übliche körperliche Distanz ein. Da die Geschlechter viel stärker getrennt sind, und Homosexualität ohnehin nicht existiert, sind die Körperverhältnisse völlig anders als bei uns. Jungs haben ständig Körperkontakt, und laufen auch gerne mal Hand in Hand herum. Deswegen muss ich schon hin und wieder mal einen etwas aufdringlichen Zeitgenossen wieder etwas auf distanz bringen, nachdem er einfach, immerhin als wildfremder Mensch auf der Strasse, den Arm um meine Schultern gelegt hat.

Samstag, 6. Oktober 2007

Deodurg

Deodurg

In Deodurg war ich erstmal ein bisschen verunsichert. Nach knapp zwei Stunden Autofahrt von Raichur, dass ich nach einer zehnstuendigen Zugfahrt erreicht hatte, lernte ich also, wie eine indische Kleinstadt aussieht.
Vor allem nach Bangalore kommt einem Deodurg ziemlich karg und freudlos vor. Die breite Strasse traegt ihren Asphalt wie eine Krawatte. Die weitaus groesseren “Buergerseige”, also der nicht asphaltierten Ränder, sind staubig und schmutzig. Wildschweine wuehlen im Muell und Matsch der Gosse. Die Häuser sind alt, dreckig und alle einstöckig.
Kommt man von der asphaltierten Hauptstrasse ab, sind die Strassen schmal und bestehen nur noch aus Sand. Man kann hier sehen, dass das Wort Gosse von gießen kommt! Auf der Strasse liegt Kuh- und Hundekot.
Wilkommen bei der Entwicklungshilfe! Und hier nun ein Jahr lang? Schluck.

Samuha hat zum Glueck seinen eigenen Campus etwa einen halben Kilometer außerhalb von Deodurg . Campus heißt, hier gibt es ein Grundstueck mit einigen Bambushuetten, das zu Samuha gehoert. Wie man auf den Fotos vielleicht erkennen kann, sind die Hütten schon etwas betagt, in die meisten regnet es sogar rein. Ein Teil der Angestellten wohnt sogar auf dem Campus. Ich wohne allerdings nicht auf dem Campus, sondern quasi nebenan. Neben dem Campus steht eine grosse Moschee. Es gibt hier nämlich ziemlich viele Muslime, ständig begenet man verschleierten Frauen, und dreimal am Tag grölt jemand vom Turm der Moschee herab. Wiederrum direckt neben dieser Moschee hat Samuha ein zweites Grundstueck, auf dem Ein Haus mit Büro, eines zum wohnen und eine Bambushuette mit drei Zimmern und einem Raum für Meetings. Hier haben sie mich einquartiert, worüber ich ganz froh bin, denn das Bambushaus ist nagelneu! Ich habe mein etwa 9qm großes Zimmer mit Licht, Steckdose, Ventilator und einem Betonblockbett mit Mosquitonetz. Was will man mehr!

Es lebt sich hier eigentlich nicht schlecht, wenn man sich mal dran gewöhnt hat! Das Betonbett mit Isomatte stört einen schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Das Essen ist super und nochmal ein Thema für sich. Warmes Wasser gibt es nicht, ist aber in Indien wohl etwas ziemlich normales. Jeder wäscht sich hier mit kaltem Wasser, ob Director oder Accountant, und man lernt es schnell zu schätzen, sich bei knallender Sonne mit angenehm kühlem Wasser zu übergießen. Es gibt auch keine Duschen, sondern nur Wasserhähne, die etwa auf Kniehöhe an den Wänden der nach oben hin offenen Baderäume angebracht sind, und mit denen man einen großen Wassereimer füllt, um das Wasser anschliessend mit einem kleinen Eimerchen über sich rüber zu gießen.
Die Wäsche wird slebst mit der Hand gewaschen, nur Hemden und Hosen werden zum Waschen und Bügeln weggebracht., wenn man sie wieder abholt riechen sie immer ein Bisschen nach Rauch, weil das Bügeleisen mit Kohlen betrieben wird.
Überhaupt werden hier nur Lange Hosen getragen, keine Kurzen. Für die Menschen in den Dörfern sind Shorts nämlich das gleiche wie Unterhosen, und sie fühlen sich angegriffen, wenn man in Unterwäsche vor ihnen herumläuft.
Wenn ein Inder also nicht gerade so ein Hindu-Gewand anhat, dann trägt er mit 75%iger Wahrscheinlichtkeit ein Hemd und eine lange Hose, die alerdings auch durch einen Lunghi ersetzt sein kann. Ein Lunghi ist das Equivalent zum Bademantel, wenngleich etwas gesellschaftsfähiger, und somit auch gerne auf offener Straße getragen. Er besteht schlicht aus einem großen Tuch, das man sich, wie ein Handtuch nach dem Duschen, um die Hüfte wickelt. Er reicht bis über die Knöchel, kann bei Bedarf aber hochgefaltet werden, sodass er quasi zum Minirock wird, und schon die Knie nicht mehr erreicht. Dazu Sandalen, etwa die Hälfte aller Leute hier läuft generell barfuss rum, und zwar in Bereichen, wo ich mich noch nicht einmal mit Gummistiefeln hintrauen würde.

In Karnataka ist die Muttersprache Kannada, und in der Regel sprechen die Menschen hier, wenn überhaupt nur bruchstückhaft Englisch, sodass ernsthafte Konversationen eher spärlich gesäht sind. Richtig gutes Englisch sprechen im Grunde nur die Project Directors, also vielleicht drei-vier Leute, die ich ich mit Glück einmal die Woche zu Gesicht bekomme.
Also habe ich begonnen, ein Bisschen Kannada zu lernen! “Oota aita?” ist wohl die Wortkombination, die ich hier am häufigsten gehört habe, und “food finish?” ist die gängige Übersetzung. Oota aita ist hier fast eine Begrüßungsfloskel, ergänzend zur normalen Begrüßung, begegnet man jemandem, vergewissert man sich erstmal, ob der Gegenüber auch schon gegessen hat.
Abgesehen davon kann ich immerhin schon einige Standarts wie “Hallo”, oder “Guten Morgen”, oder “gut”. Kannada ist unheimlich schwer zu lernen, weil es genau gar nichts mit irgendeiner mir bekannter Sprache zu tun hat. Im Gunde klingt es wie wahllos aneinandergehängte Silben. Dazu gibt es noch eine Reihe von Lauten, die man bei uns gar nicht benutzt, oder Unterschiede, die ich nicht hören kann.
Aber so langsam gewöhne ich mich an die Sprache, und es fällt langsam leichter, sich Worte zu merken. Mit der Schrift, die aus einem einzigen, ständig wiederholten Buchstaben zu bestehen scheint, habe ich noch gar nicht angefangen.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Bangalore

Bangalore war eine kurze, aber trotzdem Intensive Zeit. Ich war in der Millionenstadt nur vier Tage, bis ich nach Deodurg, was ca 450 km noerdlich liegt, gefahren bin.
Bangalore ist, wie man sich eine Entwicklungsland-Grossstadt nur vorstellen kann. Es ist laut, es ist voll, es stinkt. Die Eindruecke Prasseln nur so auf einen ein, sodass man sich kaum retten kann. Gleichzeitig ist es, trotz des vielen Betons, unheimlich bunt; die Inder haben eine uebertriebene Schwaeche fuer leuchtende Farben. Alles moegliche ist angemalt. Busse sind bunt, Haeuser gerne mal blau angestrichen. Alle Autorikshaws (diese motorisierten Dreiraeder, die man auch aus Italien kennt) sind knallgelb und die verschiedenen Gewaender, die die Frauen tragen, begegnen einem in allen erdenklichen Farben, mit meistens sehr schoenen Mustern. Die Haeuser sind zugeballert mit Reklameschildern, vor allem in der Innenstadt, wo das Tosen am lautesten ist.
Es gibt einen Haufen sonderbarer Dinge hier. Kuehe stehen mitten auf den loechrigen Gehwegen rum, man sieht Autos, die man zuletzt in Schwarz-Weiss-Filmen gesehen hat. Kleine geschaefte, in denen Mehl gemahlen wird, mit altertuemlichen Maschinen, die an Charly Chaplin erinnern. Ploetztlich steht, mitten zwischen beton und Wellblech ein bunter, reich verzierter Tempel, aus kunstvoll geschnitztem Holz mit kleinen Elefantenfiguren drauf. An einer Riesenkreuzung steht ein gruener Metallkontainer mit einem Schuhputzer drin. Grosse Geschaeftsketten sieht man eigentlich nur direkt im Zentrum, Wo es Puma und Nike shops gibt, doch sonst sieht man viele viele kleine Geschaefte fuer alles Moegliche, Mehl, Palmwedel, Fruechte, Essen, Tee, Saft, alles Moegliche, aber dann auch wieder nicht alles. Das Angebot ist am Ende ein beschraenktes, sich staendig wiederholendes.
In keinem, noch so kurzen, Bericht ueber Bangalore darf natuerlich der Verkehr vergessen werden. Ich musste ja schon immer schmunzeln, wenn Mama sich in Hamburg ueber meinen Fahrstil beschwert hat, doch nie mit einer solchen Fundiertheit, wie als ich hinten auf dem Motorrad durch die Strassen von Bangalore geraftet wurde.
Fahrbahnmarkierungen gibt es schon mal kaum welche, ganz gleich, wie breit die Strasse ist, und selbst wenn man mal etwas blassweiss auf der Fahrbahn erkennen kann, ist es herzlich Bedeutungslos. Ueberall wird staendig gehupt, denn das Hupen ersetzt Verkehrsregeln und Rueckspiegel. Beim Einfahren in eine andere Strasse, beimUeberholen, wenn die Ampel auf Gruen umspringt, einfach mal so, zum nicht ganz geradeaus fahrenden Nebenmann, besonders, wenn der kein Motorrad bewegt, es wird staendig gehupt. Das Fahren ist ein staendiges ausweichen, ein Bremsen, Beschleungen, die freie Gasse finden. Die Inder sind, in ihrer staendigen Gelassenheit und Ruhe, davon ziemlich unbekuemmert, fahren nachts auch gerne mal ohne Helm und Licht. Ueber allem haengt an einer Ampel etwas einsam ein Schild mit der Aufschrift “Follow Traffic Rules”.

In diesem ganzen Chaos und der scheinbaren Eile ist jeder einzelne aber erstaunlich langsam, ruhig, gelassen. Sieht man sich die einzelnen Menschen an, wie sie so langsam ueber die Buergersteige streichen, an den Garkuechen stehen, einen Chai-Tee trinken, gelassen essen, kann man sich kaum erklaeren, wie aus so vielen Ruhen so eine Hektik entstehen kann. Die Inder sind sowieso seltsame Menschen. Sie reden unglaublich leise und dazu noch in einem meist unverstaendlichen Englisch. Sie sind, wie gesagt, ganz gemaechlich und immer zu spaet. Ein Meeting, das fuer elf Uhr angesetzt ist, beginnt fruehestens um halb zwoelf. Aber zu all dem spaeter mehr.

Dies ist also ein kurzer Blick auf Bangalore, der natuerlich kaum ausreicht. Viel wichtiger ist aber Deodurg, die kleine Stadt, in die ich am Montag nach meiner Ankunft in Bangalore gefahren bin, und wo ich bleibe.